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Stellungnahme zur Kostenstudie zum Hilfesystem für Betroffene von häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt von KIENBAUM

7. Juli 2024

Bei den Ergebnissen zum Hilfesystem für Männer greift die Kostenstudie zu kurz. Es wird nicht deutlich, wie lückenhaft das Hilfesystem insbesondere für Männer derzeit aufgestellt ist. Bei den bundesweit vorhandenen Interventionsstellen wurde zudem lediglich die Anzahl der Frauen erhoben, die eine Beratung in Anspruch genommen haben – obwohl sich dort auch viele Männer melden. Das verzerrt die veranschlagten Kosten.

Die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM) nimmt Stellung zur Kostenstudie zum Hilfesystem für Betroffene von häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt des Instituts KIENBAUM. Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben und am 23.05.2024 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zur Studie

Grundsätzlich begrüßt die BFKM die Studie und das Vorhaben der Bundesregierung, die Umsetzung des Koalitionsvertrages anzustreben durch den bedarfsgerechten Ausbau des Hilfesystems von Gewalt betroffener Menschen. Das geplante und derzeit in der Erarbeitung befindliche Gewalthilfegesetz soll dafür die rechtliche Grundlage schaffen. Es soll geschlechtsunabhängig für alle Menschen anwendbar sein, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.

Mit dieser Stellungnahme bezieht sich die BFKM auf das bestehende und angestrebte Hilfesystem für von Gewalt im häuslichen Kontext betroffene Männer. Dies schließt aus unserer Sicht nicht nur Partnerschaftsgewalt ein, sondern auch innerfamiliäre Gewalt. Wie das Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2023 ausweist, machen Opfer innerfamiliärer Gewalt 34,5 Prozent aller Opfer von häuslicher Gewalt aus.

Auch wenn wir uns hier auf die Betroffenheit von Männern beziehen, sollen damit keinesfalls die Schutzinteressen betroffener Frauen und Menschen anderer Geschlechter in Frage gestellt oder gegeneinander ausgespielt werden. Wir sind uns bewusst, dass Gewalt gegen Frauen und andere Geschlechter einen anderen Charakter, eine andere Qualität, eine höhere Quantität und in weiten Teilen andere Ursachen hat. Die BFKM unterstützt die Aufweitung des Hilfesystems Häusliche Gewalt, ohne Abstriche bei einzelnen Systemteilnehmenden.

Als Teil des Hilfesystems wurde die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM) in die Erstellung der Kostenstudie einbezogen. Wir stellten dem Institut KIENBAUM dafür Zuarbeiten zur Verfügung, am 18. August und 18. Oktober 2023. Darin hat die BFKM auf verschiedene Punkte hingewiesen; die Hinweise fanden teilweise Einzug in den Abschlussbericht.

In diesem Abschlussbericht greift nun der Teil 4.1.2, Zentrale Ergebnisse zum Hilfesystem für Männer, leider zu kurz. Es wird an dieser Stelle nicht deutlich, wie lückenhaft das Hilfesystem insbesondere für Männer derzeit aufgestellt ist. In lediglich fünf von 16 Bundesländern können gewaltbetroffene Männer bei Bedarf auf eine Schutzwohnung zugreifen. Die Nutzungsstatistik Männerschutzwohnungen 2022 der BFKM macht darüber hinaus klar, dass der Großteil der Männer, die in eine Schutzwohnung einziehen, aus demselben Landkreis bzw. derselben Stadt kommen, in der die Männerschutzwohnung ist, oder aus einem direkt benachbarten Landkreis. Es ist damit für die BFKM klar, dass gewaltbetroffene Männer zum Schutzzweck ihr Lebensumfeld eher nicht verlassen (können). Damit werden flächendeckend Schutzunterkünfte notwendig, anstatt wie bisher punktuell. Des Weiteren ist auch die – teilweise bedarfsüberschreitende – Aufenthaltsdauer der Betroffenen in der Nutzungsstatistik der BFKM erfasst, die ebenso keinen Einzug in die Berechnungen des Kostenstudie gefunden hat.

Die BFKM kritisiert zudem, dass bei den bundesweit vorhandenen Interventionsstellen lediglich die Anzahl der Frauen erhoben wurde, die eine Beratung in Anspruch genommen haben – obwohl sich dort auch Männer melden. Zwar bieten nur wenige Interventionsstellen solche Hilfen für alle von Gewalt Betroffenen an, doch melden sich bei den meisten auch Männer. Die meisten Interventionsstellen beraten ausschließlich Frauen und würden bei Bedraf an Beratungsstellen für Männer verweisen, doch diese Männerberatungsstellen gibt es de facto vergleichsweise selten.

Es würden sich mehr Interventionsstellen aktiv für männliche Betroffene öffnen, so unsere Gespräche mit den Interventionsstellen, wenn sie dafür auch gefördert würden. Bisher fehlt es jedoch an Ressourcen sowie teilweise an fachlichem Wissen, wie Männer erreicht und gut beraten werden können.

Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, für die Kostenstudie in den Interventionsstellen auch die Anzahl der beratenen Männer abzufragen, um ein qualitativ und quantitativ differenzierteres Bild zu bekommen. Die BFKM hält es für durchaus relevant und erhebbar, wie viele Männer bereits jetzt Beratung in den Interventionsstellen suchen. So könnten dann auch die zusätzlichen Kosten für die Erweiterung von Interventionsstellen beziffert werden, die auch Männer beraten wollen.

Die Ausführungen unter Punkt 5.2.1, Szenario 1: Orientierung an Gewaltstatistik nach Einwohnerinnen – und Einwohnerzahl der Bundesländer sollen den Bedarf an Beratungsstellen im Verhältnis von 1:12 gegenüber den Beratungsstellen für Frauen aufzeigen, da Frauen laut Bundeslagebild deutlich häufiger und schwerwiegender von Gewalt betroffen sind. Widersprüchlich ist aus unserer Sicht die Aussage, dass die Inanspruchnahme von Hilfen bei Männern deutlich geringer sei als bei Frauen, weil traditionelle Rollenvorstellungen dies verhinderten. Vielmehr fehlen bundesweit in sehr vielen Regionen Beratungsstellen, an die sich Männer wenden können. Das Fehlen solcher Angebote führt dazu, dass die prinzipielle Möglichkeit der Beratung von Männern in der Öffentlichkeit nicht bekannt ist. Auch deshalb beginnen viele von ihnen erst gar nicht, systematisch nach Hilfe zu suchen. Sie würden durchaus Beratung in Anspruch nehmen, wenn es selbstverständlich Anlaufstellen gäbe, wo sie konkret als Männer angesprochen und beraten werden.

Als Beispiel dafür kann das Männerhilfetelefon genannt werden, das seit seinem Start 2019 steigende Nutzerzahlen zu verzeichnen hat. Vor der Einrichtung des Hilfetelefons gab es für Männer keine zentrale Möglichkeit, sich telefonisch zu melden. Teilweise riefen sie in ihrer Not das Hilfetelefon für Frauen an, um Hilfe zu erhalten. Und auch aktuell sind ca. 2 Prozent (ca. 600 pro Jahr) aller Betroffenen beim Frauenhilfetelefon Männer [1]. Um das Angebot des Männerhilfetelefons auszubauen und somit weitere Kapazitäten zu schaffen, sollten sich weitere Bundesländer an dem Projekt beteiligen. So könnten die Erreichbarkeitszeiten und die Mehrsprachigkeit ausgebaut werden – und insgesamt mehr Betroffene könnten das Angebot annehmen.

Auch die öffentliche Wahrnehmung spielt beim Hilfetelefon eine entscheidende Rolle. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Seit der Beteiligung am Männerhilfetelefon wird dieses landesweit beworben. Damit hat sich die Anzahl der Anrufer aus diesem Bundesland mehr als verfünffacht. [2] Die ist aus unserer Sicht ein klares Zeichen dafür, dass Angebote genutzt werden, wenn sie vorhanden sind. Also nicht allein, weil tradierte Rollenbilder diese Anrufe verhindern würden.

Grundsätzlich begrüßen wir den in der Kostenstudie erhobenen Bedarf an Schutzplätzen für gewaltbetroffene Männer bundesweit, der 9- bis 11-mal höher liegt, als das derzeitige Angebot bereithält. Ob dieses angestrebte Angebot letztlich ausreichen wird, kann erst nach dessen Etablierung festgestellt werden, die wir weiter unterstützen.

Mit dieser Stellungnahme möchten wir noch einmal explizit darauf hinweisen, dass es uns wichtig ist, dass das gesamte Hilfesystem aufgewertet wird. Jeder Mensch, der in eine solche Lage gerät, muss niedrigschwellig Hilfe erhalten können.

[1] Jahresbericht 2023 des Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, S. 12

[2] Jahresbericht 2023 des Hilfetelefon Gewalt gegen Männer, S. 20

* Wie wir gendern

 


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